Mit Kanonen auf Spatzen schießen: Klimabilanz von Videostreaming

In meinem letzten Blog-Beitrag hatte ich etwas zum Vergleich von Elektroautos und Verbrennern geschrieben. Etwas ähnliches ist mir die letzten Tage über den Weg bei tagesschau und Golem gelaufen: Die Klimabilanz von Online-Streaming. Und wieder gab es spannende Ergebnisse vom Umweltbundesamt.

Bisher war Streaming als Klimakiller verschrieen. Die Plattform Utopia titelte z.B. „Netflix, Youtube, Spotify: So klimaschädlich ist Streaming wirklich“ und wirft direkt mit Handlungsempfehlungen um sich:

„Du suchtest gerne mal Netflix? Damit bist du nicht allein – trotzdem solltest du dabei auch mal an die Umwelt denken. Denn auch digitale Streaming-Dienste wie Netflix verursachen CO2 – und zwar viel.“

Außerdem fallen so schöne Sätze wie „2019 veröffentlichten Forscher des französischen Thinktanks „Shift Project“ eine Studie mit erschreckenden Zahlen. Der zufolge, habe Video-Streaming allein 2018 mehr als 300 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente verursacht. Das entspreche der Menge, die das gesamte Land Spanien in einem Jahr ausstößt.

Absolute Vergleiche nutzen uns hier relativ wenig und Spanien hat im internationalen Vergleich einen ziemlich geringen CO2-Fußabdruck (in Spanien muss z.B. deutlich weniger geheizt werden…). Spanien emittiert ca. 330 Mio Tonnen CO2, wohingegen Deutschland bei ca. 860 Mio Tonnen liegt – bei 47 zu 83 Millionen Einwohnern [Quelle].

Der Utopia-Artikel geht auch auf Fehler im Studiendesign ein und zeigt einige Probleme der Studienmethodik klar auf. Am Ende werden aber Schreckgespenster vom klimaschädlichen Videostreaming an die Wand gemalt. Das stört mich und deswegen möchte ich das Thema hier mal etwas genauer aufdröseln.

Unsere Datenbasis

Schauen wir doch mal gemeinsam in die neue Studie des BMU:

Wie im folgenden Bild zu sehen, gibt es erstmal einige Unterschiede von Rechenzentrum zu Rechenzentrum. Das ist wenig überraschend, da man ja mehr oder weniger energieeffiziente Hardware verwenden und diese besser oder schlechter auslasten kann. Die Unterschiede sind schonmal interessant.

Wenn wir uns jetzt in folgendem Bild noch einmal anschauen, wie sich die Emissionen von einzelnen Rechenzentren für eine Stunde Video-Streaming in HD-Qualität zusammensetzen, fällt auf, dass die Speicher (die ja vom BMU extra in einer eigenen Grafik verglichen wurden), nur einen sehr kleinen Anteil ausmachen. Ich verstehe zu wenig von der Thematik und habe mir nur die Zusammenfassung der Studie angeschaut, aber das kommt mir komisch vor. Aber wie gesagt, das ist nur ein Bauchgefühl, weswegen ich an dieser Stelle bei Interesse empfehlen würde, genauer in die Original-Studie zu schauen.

Es lässt sich aber festhalten: Wir haben insgesamt 1,45 Gramm CO2-Äquivalente pro Stunde Videostreaming in HD-Qualität durch das Rechenzentrum. Aber ich schaue den Film am Ende ja gar nicht im Rechenzentrum, sondern bei mir Zuhause. Welchen Einfluss haben meine Entscheidungen denn dort?

Wie immer zu wenig berücksichtigt: Die Endnutzer-Perspektive

Die Frage, die sich niemand in den Studien stellt, ist die des Endgeräts. [Das ist auch okay, aber die Studien werden dann leider falsch interpretiert.] Wie wird der Inhalt am Ende konsumiert? Über einen Laptop-Bildschirm oder über ein Heimkino-System? Diese Entscheidung wird ausgeklammert, macht jedoch aus meiner Sicht den größten Teil der CO2-Emissionen aus. Ein Smartphone braucht im Betrieb meist unter 5 Watt. Ein sparsamer Laptop braucht ca. 20 Watt. Ein kleiner sparsamer Fernseher (ca. 32 Zoll) braucht ohne Sound-Anlage schon 30 Watt. Ein sparsamer 55 Zoll Fernseher braucht schon 55 Watt und dabei gehen wir immer von A++ Geräten in der Eco-Einstellung aus (auch bekannt als „Warum ist das Bild so dunkel?“). Ein vollausgestattetes Heimkino kann schnell 200 Watt an Dauerleistung brauchen, womit wir um den Faktor 10 höher liegen als der Laptop. Bei einem Strommix mit ca. 401 g CO2 pro kWh [Quelle] liegen wir also bei folgenden Werten:

Smartphone: 2 Gramm CO2 pro Stunde
Laptop: 8 Gramm CO2 pro Stunde
32 Zoll Fernseher: 12 Gramm CO2 pro Stunde
Komplettes Heimkino: 80 Gramm CO2 pro Stunde

Die Werte liegen also teilweise deutlich über den 2 Gramm CO2 pro Stunde, die dann öffentlich diskutiert wurden. Damit wurden also bei einem Himkino mal eben 97,5 % der Emissionen unterschlagen, wenn man schreibt, dass Videostreaming gar nicht so klimaschädlich ist wie gedacht. heise.de ist da eine angenehme Ausnahme (siehe Artikel in den Quellen).

Einschub: Die Studie hat auch gezeigt, dass Streaming über UMTS, den weniger energieeffizienten Mobilfunkstandard, schon bis zu 90 Gramm CO2 pro Stunde Streaming ausmachen kann. Im WLAN sind es hingegen nur 2-4 Gramm. UMTS zum Streamen ist also wirklich auch eine schlechte Idee.

Wir müssen gesellschaftlich leider immer die gesamte Nutzungsdauer eines Produkts, in diesem Fall ein Videostream, betrachten. Es nutzt nichts, wenn wir am Ende die Botschaft stehen haben „Streaming ist gar nicht klimaschädlich“ und alle guten Gewissens ihr Heimkino ausbauen.

Genauso verhält es sich oft im Lebensmittelbereich. Die größte CO2-Sünde begeht der Verbraucher, wenn er oder sie mit dem Auto zum Supermarkt fährt. Schon 5 Kilometer mit einem Mittelklassewagen verursachen ca. 1 kg CO2-Emissionen. Die Zubereitung der Lebensmittel („Nudeln mit oder ohne Deckel kochen“) tut dann ihr übriges, so dass am Ende die Erzeugung der Lebensmittel wirklich nicht mehr ins Gewicht fällt. Wir müssen aufhören, uns auf die einzelnen Details zu versteifen, sondern das große Ganze betrachten und die größten CO2-Emissionsquellen angehen [Quelle]:

  1. Energieerzeugung durch Kohle & Gas (mit großem Abstand!)
  2. Industrie (z.B. Glas- und Stahlindustrie)
  3. Verkehr (mit dem Individualverkehr als größten Unterpunkt)
  4. Gebäude (Heizungen)

Ein neuer Forschungsweg: Wie verbringe ich meine Zeit?

In letzter Zeit beobachte ich immer mehr wie kleine Nebenschauplätze aufgemacht werden und im Prinzip alles als extrem klimaschädlich tituliert wird. So kommen wir aber nicht weiter! Wir brauchen ein paar Zahlen, an denen wir uns entlanghangeln können – in Diskussionen mit Freunden, Bekannten oder in der öffentlichen Debatte. Nur mit unserem Bauchgefühl werden wir die Klimakrise nicht abwenden können. Die oben genannten vier Bereiche sind für Privatpersonen nicht ganz leicht auf ihre Lebensrealität übertragbar. Daher hier mal die drei wichtigsten Einflussbereiche für Privatpersonen:

  • Mobilität
  • Wohnen
  • Konsum

Also weniger Auto und mehr Bahn. Weniger Fernreisen, dafür mehr Urlaub vor der Haustür und in Europa mit Bus & Bahn. Weniger Wohnraum pro Person und eine bessere Dämmung. Passivhäuser, Erneuerbare Rohstoffe fürs Heizen statt Heizöl und Gas. Weniger Mist kaufen, dafür wirklich gute Dinge anschaffen, die lange halten und reparierbar sind. Elektronik auf Langlebigkeit hin aussuchen und nicht zu sehr den Trends anheim fallen.

An meiner Aufzählung sieht man, dass es nicht immer ein komplettes Verzichten ist, sondern es gibt meist Ersatztätigkeiten. Das trifft auch auf das Streaming zu. Und dahingehend kann Streaming auch ein absoluter Klima-Segen sein. Wenn sich eine Freundesgruppe zum Streaming in der Nachbarschaft trifft und dafür eben nicht mit dem Auto in die nächste größere Stadt ins Kino fährt, ist dem Klima tatsächlich geholfen. Wir brauchen zwar isolierte Emissions-Studien, aber am Ende geht es immer um das Entweder-Oder. Siehe hierzu auch meinen Grundlagen-Artikel zu Nachhaltigkeit im Alltag.

Hierzu gibt es mittlerweile eine ganze Forschungsrichtung: Wie verwende ich meine Zeit? Was sind Ersatztätigkeiten für bestimmte unterlassene Handlungen? Genannt wird das ganze „Zeit-Rebound-Theorie“ und in diesem Paper kann man sich damit noch ein wenig tiefer beschäftigen. Ein schönes Beispiel für Zeit-Rebounds ist die „constant travel time hypothesis“: Diese besagt, dass die Zeit, die zum Reisen genutzt werden kann immer gleich bleibt, egal wie schnell unsere Fortbewegungsmittel sind. Und tatsächlich konnte gezeigt werden, dass sich z.B. die Anreisezeiten für Urlaube nicht erhöht haben, sondern gleich geblieben sind. Nur jetzt können wir eben in wenigen Stunden nach New York fliegen anstatt an die Ostsee zu fahren.

Das wirft die Frage auf: Womit verbringe ich meine Zeit und wie ressourcenintensiv sind die einzelnen Tätigkeiten? Ich finde, dass diese Betrachtung einen spannenden Blickwinkel aufmacht und auch ein Hinweis für die Zukunft sein kann. So sind bspw. Tätigkeiten wie Lesen, Spazierengehen, Wandern, Sport machen, Zeit mit Freunden und Familie verbringen echte Klimaschoner. Sehr gut schneiden auch TV, Radio & Computernutzung ab. Verbringen wir unsere Zeit jedoch mit dem Kauf von Produkten, dann steigt natürlich unser Ressourcen/Zeit-Aufwand. Ebenso verhält es sich mit Essen & Trinken sowie Ausflügen & Ausgehen.

Wenn wir also überlegen wie eine klimasensible Freizeitgestaltung aussieht, dann gibt es einige klare Orientierungspunkte an denen wir uns entlanghangeln können:

Zum Beispiel ist ein Wochenendausflug mit den Rädern besser als zu zweit mit dem Auto 500 km für einen Kurztrip zurückzulegen. Verbessern lässt sich unsere Bilanz, wenn wir Mitfahrer suchen oder Bus & Bahn nehmen. Natürlich werden wir auch weiterhin Kurz-Trips unternehmen, aber auch hier kommt es auf die Häufigkeit an. Es wird leider oft übersehen, dass es einen enormen Unterschied macht ob 5 oder 10 davon unternommen werden. Simple und dennoch oft vernachlässigte Mathematik.

500 km Strecke für einen Kurz-Trip bei 2 Personen [Rechner]:

  • PKW und 5x pro Jahr: 0,25 Tonnen CO2
  • PKW und 10x pro Jahr: 0,5 Tonnen CO2
  • Bahn und 5x pro Jahr: 0,1 Tonnen CO2
  • Bahn und 10x pro Jahr: 0,2 Tonnen CO2

Und welche Tätigkeiten ersetzen wir mit einem solchen Kurz-Trip? Für was hätten wir sonst unsere Zeit aufgewendet? Diese Betrachtungen sind extrem komplex und ruhen auf sehr vielen Annahmen. Dennoch finde ich es interessant, sich mit diesen Theorien zu beschäftigen.

Fazit

Wenn wir jetzt einen Kurztrip von Freitag nachmittag bis Sonntag nachmittag annehmen (also genau 48 Stunden) und die CO2-Emissionen der 500 km Fahrt (hin- und zurück wohlgemerkt!) auf die 48 Stunden verteilen, bekommt jede Stunde dieses Ausflugs schon ca. 1000 Gramm CO2 pro Stunde als absoluten Sockel zugeschrieben. Dabei wurde noch kein Restaurant besucht oder Hotel gebucht. Es wäre also für das Klima günstiger, wenn man 48 Stunden vor dem Heimkinosystem Netflix geschaut hätte (wir erinnern uns: ca. 82 Gramm CO2 pro Stunde).

Der Vergleich ist natürlich nicht sinnvoll, aber die Dimensionen in denen wir hier diskutieren, werden doch deutlich. Hier wurde also wieder mit Kanonen auf Spatzen geschossen, wenn Streaming als der neue Klimakiller dargestellt wird.

Quellen & Erläuterungen:

https://www.golem.de/news/klimaschutz-streaming-muss-nicht-das-neue-fliegen-werden-2009-150799.html

https://publicarea.admiralcloud.com/p/iRg9WDwNJTyyr1D21Bx4mY

https://www.tagesschau.de/inland/streaming-klimabilanz-101.html

https://www.heise.de/news/Netflix-gruener-als-gedacht-4886740.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag.beitrag

Von Elektroautos und unternehmerischen Entscheidungen

Dieser Artikel ist ein ziemlicher Rundumschlag geworden:

  • Der CO2-Ausstoß von Elektroautos und warum die meisten Diskussionen hierzu zum Scheitern verurteilt sind.
  • Was haben die Entscheidungen für Kernenergie mit der Entscheidung für oder gegen Elektroautos zu tun?
  • Wie können wir im Wischi-Waschi der Nachhaltigkeit gute Entscheidungen treffen?

Die Tagesschau hat über eine Studie zum CO2-Ausstoß von Elektroautos berichtet. Fazit des Artikels: Bisherige Studien zum Thema haben veraltete Modelle verwendet, unsauber gearbeitet und/oder haben versucht Politik zu betreiben. Ich will diesen Artikel zum Anlass nehmen, um etwas über drei Prinzipien der Nachhaltigkeit zu schreiben:

  1. Vergleiche nie Äpfel mit Birnen.
  2. Auch die erweiterten Konsequenzen spielen eine Rolle.
  3. Versuch‘ keine perfekten Entscheidungen zu treffen – aber schaffe dir eine anständige Entscheidungsgrundlage

Apfel vs. Birne – was ist besser?

Was oft gemacht wird in der Diskussion rund um Elektroautos, ist folgendes:

Person A sagt, dass Elektroautos den CO2-Ausstoß unserer Mobilität verringern werden. Person B führt als Gegenargument direkt die umweltschädliche Herstellung von Lithium-Akkus an. Damit ist die Diskussion meistens dem Untergang geweiht. Warum das?

Was schauen wir uns denn eigentlich an? Umweltschäden insgesamt oder nur CO2-Emissionen? Schauen wir uns nur die Herstellung der Autos an oder betrachten wir die Nutzungsphase? Gehen wir sogar noch weiter und betrachten auch das Lebensende eines Autos – also das Recycling bzw. die Verschrottung? Hier werden in vielen Diskussionen Äpfel mit Birnen – meist sogar eher Pommes mit Erdbeeren – verglichen. Ein Elektroauto wird durch die Akku-Herstellung einen deutlich höheren CO2-Ausstoß in der Produktion haben als ein vergleichbarer Verbrenner. Und dabei ist wieder das Wort „vergleichbar“ wichtig. Denn nur wenn wir innerhalb der Auto-Klasse vergleichen, werden wir belastbare Aussagen treffen können. Und natürlich spielt die Akku-Kapazität eine große Rolle – da Verbrenner überhaupt keinen Akku haben, können wir hier auch nur bedingt Vergleiche anstellen.

Es ist also immer wichtig den Umfang der Betrachtung vorher festzulegen – den sogenannten Scope. So sollten wir auch in unserem Unternehmen vorgehen: Betrachten wir also z.B. nur unsere direkt selbst erzeugten CO2-Emissionen in unserem Bürogebäude durch die Gas-Heizung oder schauen wir uns auch die Fahrtwege und Fortbewegungsmittel unserer Mitarbeiter/-innen an? Hierüber kann man stundenlange Diskussionen führen. Wichtig ist mir an dieser Stelle nur, dass die Festlegung des Scope ein entscheidender Punkt vor dem Vergleich sein muss.

Einen einmal eingeschlagenen Weg…

Über eine Sache wird im Zusammenhang mit Elektroautos selten gesprochen: Die Pfadabhängigkeit, die wir uns einhandeln, wenn wir weiterhin auf motorisierten Individualverkehr setzen. Was heißt jetzt Pfadabhängigkeit? Ich versuche mal ein Beispiel: In den 50er und 60er Jahren wurde entschieden, dass Deutschland sich der Kernenergie verschreibt. Hierfür wurden umfangreiche Garantien und Verträge geschlossen, Leitungen gebaut, Gesetze verfasst usw. usf. Da man Geld nur einmal ausgeben kann, sind viele andere Technologien nicht in diesem Maße mit Forschungsgeldern und Subventionen bedacht worden wie z.B. erneuerbare Energien. Ich stelle mir manchmal gerne vor, wie Deutschland energiepolitisch heute dastehen würde, wenn man sich damals für eine massive Förderung der Eneuerbaren entschieden hätte. Was ist also eine Pfadabhängigkeit? Damit sind solche Entscheidungen gemeint, die den Lauf der Dinge für eine lange Zeit beeinflussen – ob positiv oder negativ. Um den Pfad zu wechseln – in unserem Beispiel von Atomkraft auf Erneuerbare – braucht es je länger man sich auf einem der beiden Pfade befindet, einen immer größeren Kraftakt. Das gesamte System (in diesem Fall das Energiesystem) stellt sich nämlich auf den status quo ein. So war erst die Atomkatastrophe von Fukushima in der Lage einen Wandel zu beschleunigen (der ökonomisch und sozial dennoch sehr schmerzhaft war).

Wie sehen jetzt unsere Pfadabhängigkeiten im Bereich der Elektroautos aus? Einerseits haben wir aktuell ja schon Straßen, Parkhäuser, Werkstätten, massig Arbeitsplätze bei den Autobauern und vieles mehr. Wir müssen nur noch überall ein „E“ draufkleben. Andererseits haben wir in den Städten auch ein Flächenproblem, ein Autobahnnetz am Rande des Verfalls und eine notorisch zu spät kommende Bundesbahn. Wenn wir uns also für die Fortschreibung unserer bisherigen Mobilitätspolitik entscheiden, muss uns auch klar sein, dass diese Probleme nicht alle gleichzeitig gelöst werden können, da wir das Geld nur einmal ausgeben können. Daher fordern einige Umweltverbände auch die Abkehr vom Auto als Lieblingskind der deutschen Mobilitätspolitik. Ob das gut ist oder nicht, will ich hier nicht bewerten. Ich glaube die Wahrheit liegt immer irgendwo in der Mitte und am Ende wird das Auto sowieso nie ganz verschwinden, aber vielleicht eine andere Position im Mobilitätsmix einnehmen als bisher.

Der Wikipedia-Artikel zu Pfadabhängigkeiten ist sehr umfangreich und geht auf viele angerissene Punkte näher ein. Eine klare Empfehlung zur Vertiefung.

Schwierige Entscheidungen

An dem Beispiel der Elektroautos sieht man außerdem sehr schön, in welchem unbestimmten Fahrwasser man sich bewegt, obwohl man versucht Dinge zu quantifizieren. Bereits einige Veränderugen der Grundannahmen können zu komplett anderen Schlüssen führen. Die angesprochene Studie zu den Elektroautos habe ich mir gar nicht im Original angeschaut, da ich hier nicht diskutieren möchte, ob E-Autos jetzt CO2-ärmer als Verbrenner sind oder nicht. Die aufgeworfene Fragestellung ist aber interessant: Wem können wir glauben? Wann haben wir uns genug informiert?

Wie können wir damit im unternehmerischen Alltag umgehen? Wir werden keine perfekten Lösungen treffen können und sollten als ersten Schritt aufhören, diesem Ideal nachzueifern.

Im nächsten Schritt können wir versuchen abzuwägen und natürlich einen guten Quellen-Check sowie eine Kurz-Recherche durchführen. Ich baue z.B. nie auf eine Quelle und wenn es nur eine Quelle geben sollte, kann man davon ausgehen, dass hierzu noch nicht genügend geforscht wurde. In der Wissenschaft ist es normal, dass unterschiedliche Forschungsgruppen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Spannend sind hierbei oft die Grundannahmen. Man sollte daher nicht davor zurückschrecken auch mal eine Studie im Original aufzumachen und querzulesen. Wenn man sich in dem Wissensbereich ein bisschen auskennt, kann man oft schon die Grundannahmen hinterfragen und schauen ob hier plausibel für den eigenen Anwendungsfall gearbeitet wurde. Wurden z.B. nur SUVs betrachtet und in meinem Fall geht es aber um Kleinwagen? Das könnte schon ein Hinweis darauf sein, dass die Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen sind. Leider werden Studienergebnisse fast immer verkürzt und verfälscht wiedergegeben. Hier ist der Druck zur Kürze im Journalismus nicht förderlich, aber auch im Wissenschaftsbetrieb selbst wird viel an Ergebnissen gebogen und zurechtgerückt, das weiß ich aus der eigenen Quellenarbeit in der Nachhaltigkeitsforschung.

Jetzt haben wir also unsere Quellen geprüft, weitere Quellen gesichtet und uns ein Meinungsbild verschafft. Jetzt müssen wir aber immer noch mit unperfekten Daten eine Entscheidung treffen. Ich denke, hier sollte sich jede/r Unternehmer/in wiederfinden. Solche Entscheidungen sind normal. In anderen Bereichen sind die Daten jedoch deutlich besser. Man schaue sich nur die vielen Wirtschaftsindikatoren an. Hätten wir auch nur eine ansatzweise vergleichbare Zahl Umwelt-Indikatoren könnten wir auch schneller bessere Entscheidungen treffen. Ich will also nur sagen: Es gibt keine Abkürzung zu guten Entscheidungen, jedoch muss im Umwelt- und Sozialbereich ebenso viel Arbeit investiert werden, um eine gute Datengrundlage zu schaffen, wie wir es im wirtschaftlichen Bereich gewohnt und zu tun bereit sind.

Generell ist es vielleicht noch interessant sich das Konzept der Pfadabhängigkeiten nicht nur gesamtgesellschaftlich sondern auch unternehmerisch anzuschauen. Vielen leuchtet der Zusammenhang bestimmt ein, aber ich finde es hilfreich, sich immer wieder mal bewusst zu machen, dass eine Entscheidung für eine Sache oft andere Dinge für zumindest eine gewisse Zeit ausschließt. Mit der Zeit wird dann ein Pfadwechsel immer schwieriger, bis dann Sätze fallen wie „Das haben wir doch immer schon so gemacht!“. Der Mensch liebt den status quo, man sollte sich also gut überlegen, auf welchen Weg man sich begeben will – und das gilt besonders für das Thema Nachhaltigkeit, da es hier um den langfristigen Weg des Unternehmens geht. Einmal geformte Unternehmenswerte lassen sich nämlich später nur noch schwer verändern.

Ergänzung vom 04.09.2020:

Gerade bin ich im Newsletter des Ökoinstituts auf einen Beitrag zu E-LKWs gestoßen. Auch interessant, da hier Disel-LKW, Brennstoffzellen-LKW und Elektro-LKW miteinander verglichen werden. Diesmal aber wirtschaftlich! Ist einen Blick wert und auch sehr kurz.

CO2-Emissionen von E-Autos

Etwas, über das ich immer wieder auch im Freundeskreis und bei Beratungen stolpere, sind E-Autos. Hier gibt es viel Halbwissen und medial besonders viel Verwirrung. Heise hat einen schönen Artikel über eine aktuelle wissenschaftlich fundierte CO2-Bilanz von Elektroautos geschrieben.

Ganz kurz zusammengefasst:

Elektroautos stoßen auf ihren gesamten Lebenszyklus gesehen (also schon inkl. Batterieherstellung & Recycling) weniger CO2 aus als ihre fossilen Verwandten.

In dem Artikel geht es aber um noch mehr, nämlich die politische und wirtschaftliche Relevanz der Autoindustrie und die überfällige Diskussion um die Elektrifizierung von Bahn & Logistik. Ich fand den Artikel sehr lesenswert und auch die verlinkten Studien und weiteres Material sehr gut. Den Artikel findet ihr hier.

trickle-down-effect der Nachhaltigkeit

Ich meine mit der Überschrift nicht den ominösen trickle-down-Effekt aus der Ökonomie, der nur relativ dünn belegt ist. Sondern eine Beobachtung, die ich in letzter Zeit immer wieder mache: Die Nachhaltigkeitsanforderungen an große Unternehmen führen dazu, dass auch deren Zulieferer mehr in die Pflicht genommen werden. Das ist gut und richtig. Das aktuellste Beispiel ist die Telekom, die Handys vom Hersteller HMD Global vorübergehend aus dem Verkauf genommen hat, weil es Auffälligkeiten bei Arbeitsbedingungen der Zulieferer gab. [Hier geht’s zur Meldung von heise]

Das Gute daran ist, dass durch die wirtschaftlichen Verflechtungen dieser Druck zu mehr Nachhaltigkeit wahrscheinlich sehr bald überall zu spüren sein wird. Und so entsteht dann der systemische Wandel, auf den viele Akteure seit Jahrzehnten hinarbeiten. Ich glaube wir sind mitten in einer großen Transformation und merken es noch nicht richtig.

Die Anforderungen für diese Lieferkettenüberwachung bzw. -compliance steigen stetig. Auch der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) fordert einen Berichtsteil hierzu ein. Ein anderes Beispiel ist der Nationale Aktionsplan Wirtschaft & Menschenrechte, der die beschlossenen Leitprinzipien der Vereinten Nationen in die nationale Gesetzgebung überführt.

#aufgelesen: Nachhaltigkeit scheint noch mehr in Mode zu sein, als ich dachte

Beweisstück A

Ich zitiere einfach mal ein Stück aus dem Artikel, den ich hier nur kurz verlinken möchte:

Ein Umdenken findet statt, auch in Deutschland: 79 Prozent der Käufer überdenken ihr Kaufverhalten und legen mehr Wert auf soziale Verantwortung, Inklusivität und Umweltfreundlichkeit. Aus gutem Grund: Nahezu zwei Drittel der Befragten (64 Prozent) geben an, es mache sie glücklich. COVID-19 hat das Bewusstsein und Engagement für nachhaltiges Shopping noch verstärkt: 67 Prozent der Verbraucher sehen die Verknappung natürlicher Ressourcen kritischer aufgrund der Corona-Krise, 65 Prozent wollen sich die Folgen ihres Konsums im „New Normal“ bewusster machen. Zu diesen Ergebnissen kommt die neue Studie des Capgemini Research Institute „Konsumgüter und Einzelhandel: Wie Nachhaltigkeit die Verbraucherpräferenzen grundlegend verändert“. Weltweit nahmen mehr als 7.500 Verbraucher und 750 Unternehmen (CPR) aus neun Ländern weltweit an der Studie teil.

Capgemeni

Das hat mich jetzt aber doch etwas überrascht. Hier müsste man jetzt mal tief absteigen in die Methodik und genau schauen was dort gefragt wurde und wer zur Studie herangezogen wurde. Von meinem Gefühl her waren die Menschen in der Krise erstmal auf ihre Grundbedürfnisse zurückgeworfen. Wenn das Ergebnis belastbar ist, freue ich mich natürlich über so ein gesteigertes Bewusstsein.

Die Studie zeigt aber auch, dass das Wissen bei Verbrauchern und Unternehmen über Nachhaltigkeit noch verbesserungswürdig ist. Auch die Nachhaltigkeitsbemühungen der Unternehmen sind noch nicht wirklich erfolgreich. Das bestärkt mich natürlich darin, diese Webseite weiter auszubauen. Ich glaube wir brauchen mehr einfach verständliche Nachhaltigkeit.

Beweisstück B

Smurfit Kappa hat eine Studie zur Nachhaltigkeit in der Geschäftswelt durchgeführt und das Ergebnis ist folgender Titel:

Nachhaltigkeit verändert die Geschäftswelt für immer.

Interessant, dass scheinbar gerade in dieser Krisenzeit die Menschen noch stärker in Richtung Nachhaltigkeit tendieren. Die Studie findet ihr hier.

#aufgelesen: Zero Emission Flugtechnologien

Ein interessantes Interview mit dem DLR-Vorstand für Luftfahrtforschung bei golem.de. Es geht u.a. darum, wie man emissionsfrei fliegen kann. Es werden verschiedene Antriebstechnologien diskutiert, verschiedene Transformationspfade besprochen und auch Hindernisse beleuchtet sowie die aktuelle Entwicklung in die politische Diskussion verortet.

Über was gar nicht gesprochen wird: Reduktion des Flugverkehrs. Corona zeigt sehr schön, was alles ohne Präsenz machbar ist. Wir sind einfach zu faul und zu bequem. Wandel darf auch mal kurz komisch sein, uns ein wenig Anstrengung abverlangen. Aber die Präsenzkultur der Unternehmenswelt schadet nicht nur dem Klima, sondern auch Familien, unserem Zeitbudget und erzeugt unnötigen Stress. Nur weil wir jetzt viel fliegen, sollten wir nicht davon ausgehen, dass dies unumgänglich ist. Das wäre ein klassischer Denkfehler. Zum Beispiel wünschen sich sowohl Führungskräfte und Beschäftigte Hybridmodelle für die Zukunft der Arbeit. 50% Zeit im Büro und 50% Remote sind über alle Generationen und Länder hinweg die meist gewünschte Aufteilung. [Quelle]

Wie entsteht Veränderung?

Ich habe mich beruflich wie privat viel mit den Themen „change“ und „gesellschaftlicher Wandel“ auseinandergesetzt. Bei mir selbst, bei meinem gesellschaftlichen Engagement, in meiner Arbeit und ganz global gesehen aus allgemeinem Interesse. Anfang des Jahres habe ich durch Corona ausgelöst noch einmal reflekiert, wie Wandel eigentlich entsteht und mir verschiedenste Gesellschaftsentwürfe angeschaut, Podcasts gehört, Werke von Transformationsforscher/-innen gelesen und über das Thema viel nachgedacht.

Eins meiner Lieblingsbeispiele für schnellen Wandel ist das Rauchverbot in der Gastronomie. Vor Einführung des Verbots wurde erbittert gestritten. Die Deutschen schienen in zwei Lager gespalten. Nach Einführung legte sich diese Debatte sehr schnell und heute murrt kaum noch jemand, wenn er zum Rauchen vor die Tür muss oder ins Raucherzimmer. Es wurde eine neue Verhaltensweise erzwungen und das hat erstaunlich gut funktioniert. Beim Tempolimit kochen die Gemüter noch höher. Aber meine Prognose ist: Der Mensch gewöhnt sich sehr schnell an neue Zustände. So geschehen in der Corona-Krise:

Zu Beginn der Pandemie waren die Menschen so ängstlich, dass man das Gefühl hatte im öffentlichen Raum kann man sich auch über Blicke mit Corona infizieren. Einige Wochen später haben alle nur noch von der „neuen Normalität“ gesprochen und wieder ein paar Wochen später waren die ersten Meldungen in der Tagesschau nicht mehr Corona-bezogen sondern es gab wieder andere Themen im Fokus. Aus der Angstforschung weiß man, dass der Mensch einen solchen Extremzustand ca. 4 Wochen aufrecht halten kann und dann eine Gewöhnung einsetzt, eine Form von Abstumpfen. Und dieses Wissen könnten wir uns für bestimmte Veränderungen zunutze machen. Wenn man weiß, dass eine Veränderung nur für 4 Wochen wirkliche Anpassung erfordert und danach „in Fleisch und Blut“ übergeht, dann kann man viel entspannter über bestimmte Dinge diskutieren.

Doch erst einmal zurück zu meiner Recherche. Ich habe mir verschiedene Change-Modelle angeschaut und hier möchte ich eine kleine Auswahl der spannendsten Gedanken, die teilweise gar nicht neu aber dafür sehr gut begründet sind, vorstellen:

Häufigkeitsverdichtung

Maja Göpel ist eine sehr interessante Transformationsforscherin, die zur Zeit Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung tätig ist. Also keine kleine Stimme im Transfromationsdiskurs. Bei ihr habe ich vom Prinzip der „Häufigkeitsverdichtung“ gehört, welches einfach aussagt, dass Veränderung entsteht, wenn auf vielen Ebenen gleichzeitig Veränderungsbereitschaft erzeugt wird. Hierfür braucht es also die Visionär/-innen und die Vormacher/-innen auf allen Ebenen unserer Gesellschaft. Das Denken muss für andere Formen des Zusammenlebens geöffnet werden. Wenn ich sehe „Ah okay, die machen das anders und es funktioniert.“, dann kann ich mir selbst auch vorstellen, dass es für mich funktionieren kann. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist, dass man sich einigermaßen mit den Vorreitern identifizieren kann. Daher ist meine Philosophie auch sehr stark von Mainstream-Ästhetik und -Sprache geprägt. Ich bin fest davon überzeugt, dass es nichts bringt hohe Reden zu schwingen ohne an der Lebensrealität der Menschen anzuknüpfen. „Nehmen Sie den Bus!“ ist keine schlaue Forderung, wenn auf dem Land der Bus nur alle zwei Stunden fährt. Genau solche platitüdenhaft geäußerten Forderungen sind das Problem der Nachhaltigkeitsdebatte.

Ebenso verhält es sich im Unternehmen: Die Führungskräfte können sich teilweise nicht in den Alltag der Beschäftigten einfühlen. Es mangelt an Austausch und echter Kommunikation. So verhärten sich Fronten und Veränderung wird aus Prinzip ausgebremst. Die Lösung ist hier Partizipation und Kommunikation auf Augenhöhe. Ganz offen muss darüber gesprochen werden „Was braucht das Unternehmen?“ und „Was brauchen wir als Beschäftigte?“. Ergebnisoffen und nach vorne gerichtet. Was ich in der Praxis aber oft sehe, sind Fake-Partizipationsprozesse, deren Ergebnis von vorneherein feststeht oder deren Leitplanken am Anfang nicht klar kommuniziert werden. Es wird oft „das weiße Blatt Papier“ versprochen und am Ende wird klar, dass es doch nur um die Randnotizen ging. Das ist frustrierend und Beschäftigte machen einen solchen Prozess genau einmal mit.

Drei Impuls-Ebenen

Maja Göpel nutzt eine Gliederung von drei Ebenen für Impulse:

  1. Innovation: „Das muss doch gehen!“
  2. Opposition: „Das darf nicht sein!“ (z.B. Fridays for Future)
  3. Von den Pionieren lernen: „Ich mach das jetzt genau so nach!“

Ich finde diese Dreiteilung sehr interessant, weil man hier schön verschiedene Ansätze für gesellschaftlichen Wandel einsortieren kann. Ebenso ist es im Unternehmen: Es gibt Vorreiter, die Dinge ausprobieren, es gibt die Menschen, die aufbegehren, aber noch keine neue Lösung haben und es gibt die „Nachahmer“, die der ersten Gruppe immer mit etwas Verzögerung folgen. Dieses Wissen können wir uns in Change-Prozessen zu Nutze machen und jede Gruppe individuell ansprechen und abholen.

Wie wird Zukunft geformt?

Zukunft formt sich nicht als lineare Fortschreibung der Vergangenheit. Die Zukunft wird von denen geformt, die am lautesten und stärksten über ihre Visionen sprechen.

Wenn wir Zukunft aus der Vergangenheit vorhersagen könnten, dann gäbe es niemals die aktuelle stark beschleunigte Welt. Die Innovationskurve ist seit der Erfindung des Internets explodiert. Das Internet ist ein gutes Beispiel. Man konnte es nicht auf der Vergangenheit vorhersehen, sondern es brauchte Visionäre, die sich vorstellen konnten wie ein weltumspannendes Netz aussehen könnte. Menschen, die vorausdenken, prägen unsere Zukunft. Und im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden die Visionen Wirklichkeit, die am meisten diskutiert werden. Aktuell das beste Beispiel: Die Digitalisierung. Es ist kein Naturgesetz, dass wir uns immer mehr in den digitalen Bereich verlagern. Seit Jahrzehnten wird die Digitalisierung „herbeigeredet“. Und je mehr darüber geredet wird, desto mehr haben wir das Gefühl etwas zu verpassen, wenn wir nicht jetzt aufspringen. So erfüllt sich die Prophezeiung von selbst.

Als Lektion können wir hier mitnehmen, dass unser gesprochenes Wort einen großen Einfluss auf die Zukunft haben kann und besonders darauf, wie die Menschen um uns herum Zukunft wahrnehmen. Dieses Prinzip können wir auch im Unternehmen anwenden. Eine Veränderung sollte nicht plötzlich aufploppen, sondern langsam eingeführt, besprochen, mit Visionen besetzt und mit Bildern transportiert werden, bevor es zu größeren Umwälzungen kommt. Oft entsteht Veränderung in der Führungsetage über Jahre hinweg auf eine sehr stille Art und Weise, um niemanden in Panik zu versetzen. Andersherum wäre es jedoch genau richtig. So früh wie möglich über Zukünfte und Möglichkeiten kommunizieren, nimmt Ängste und schafft es, ein gemeinsames Vorangehen zu ermöglichen.

Kritische Masse für einen Wandel

Wie viele Menschen einer Gruppe müssen etwas tun, damit der Rest es als „normal“ – bzw. „als Norm“ – empfindet?

Eine Antwort haben Forscher der Universität in Pennsylvania gefunden. Sobald 25 % einer Gruppe eine neue Konvention promoten, können sie mit hoher Wahrscheinlichkeit den Rest der Gruppe mitziehen. Im Video erklärt einer der Forscher diesen Effekt.

Was können wir aus dieser Studie mitnehmen? Fokussiere dich nicht auf die Bremser, sondern such die Veränderer, die Vormacher, die Frontrunner und zieh sie auf deine Seite. So ist ein Wandel einfacher umsetzbar, als alle 100% gleichförmig in eine Richtung zu bewegen. Es wird immer Nachzügler geben, das ist normal und auch gut so. Du solltest dich nur nicht zu lange mit ihnen aufhalten. Sie passen ihr Verhalten so oder so der neuen Norm an.

Fokus auf ein gutes, sinnreiches Leben mit erfüllenden Aufgaben

Maja Göpel arbeitet außerdem in ihrem Buch „The Great Mindshift“ (Open Access) heraus, dass der Mensch nach einem guten Leben strebt – nicht nach „mehr“. Hartmut Rosa nennt es die „Resonanzbeziehung“ und meint wohl das gleiche. Wir brauchen alternative positive Visionen für eine nachhaltige Zukunft. Momentan schreiben wir das „höher – schneller – weiter“ unserer Zeit einfach in die Zukunft. Es braucht aber neue Gesellschaftsmodelle, die wieder mehr Raum lassen für Zwischenmenschliches, echten Austausch und eben Resonanz. Und Nachhaltigkeit liefert genau hier einen Kompass, eine Orientierung. Die Lösung lässt sich jedoch nicht aus Indikatoren und Messwerte zaubern, sondern sie muss von Visionär/-innen erdacht und umgesetzt werden. Zum Glück geschieht genau das schon überall. Es gibt nachhaltige Banken, nachhaltige Unternehmen, und viele zivilgesellschaftliche Initiativen, die Menschen wieder mehr zusammenbringen wollen. Denn am Ende geht es wirklich um die großen Fragen: „Was wollen wir tun? Was ist der Sinn unseres Lebens? Wie füllen wir unsere Zeit?“. Unternehmen, die auf diese Fragen Antworten geben können, haben in Zukunft die Nase vorn.

Mein Fazit

Für mich habe ich aus diesem Rechercheprozess folgende Kernaussagen mitgenommen:

  • Sowohl Innovation, Opposition und Nachahmung haben ihre Berechtigung.
  • Viele verschiedene Ansätze auf allen gesellschaftlichen Ebenen führen zu einer Häufigkeitsverdichtung. So entsteht eine gesellschaftliche Veränderung von größerem Ausmaß.
  • Wer über die Zukunft spricht, formt sie auch. Wir brauchen hierfür attraktive Visionen für ein gutes Leben und gute Unternehmen.
  • Diese positiven Visionen müssen von ca. 25 % der Menschen angenommen werden und dann entsteht sehr wahrscheinlich ein Kipp-Punkt im sozialen System.

– Ende –

Ich hoffe, dir hat der Artikel gefallen! Wenn du es so weit geschafft hast, hast du hoffentlich ein paar Impulse mitgenommen. Wie immer gilt: Ich freue mich über positives sowie kritisches Feedback zu meinen Beiträgen. Schreib mir gerne direkt jetzt eine Mail an nils [at] nachhaltigkeit-verstehen.de


Quellen & Erläuterungen:

https://science.sciencemag.org/content/360/6393/1116

Mentale Infrastrukturen

Presse-Termin der Scientists for Future am 12.03.2019

Interview Maja Göpel

Podcast mit Maja Göpel

#aufgelesen: Podcast von Greta Thunberg

Auf einer Bahnfahrt habe ich eben den recht langen Podcast [1:20 h] von Greta Thunberg gehört. Und ich bin wirklich beeindruckt. Und zwar von der Klarheit und der guten Strukturierung der vorgetragenen Zusammenfassung zur Situation des Weltklimas und der dazugehörigen politischen und gesellschaftlichen Situation.

Thunberg nimmt die Hörer/-innen in mehreren Episoen mit auf ihre Reise rund um den Globus, zu Treffen mit Politiker/-innen, zu ihrer Rede vor der UN-Generalversammlung und zu Treffen mit Nancy Pelosi und Angela Merkel. Interessante Einblicke und immer wieder stellt Thunberg fest: Niemand weiß wie wir uns verhalten sollen. Wir müssen die Krise wie eine echte Krise behandeln und radikal reagieren – an dieser Stelle zieht sie auch einen Vergleich zur Corona-Krise. Bedenklich aus meiner Sicht: Die Instrumente für ein Umsteuern liegen bereit (CO2-Handel/cap & trade, Ausstieg aus der fossilen Energie etc.) aber Thunberg wird von Journalisten immer wieder gefragt „Aber was sollen wir denn konkret tun?“. Hier scheinen wir nicht richtig voranzukommen. Thunberg zitiert auch an einigen Stellen die IPCC-Berichte, bleibt dabei sachlich und überdramatisiert nichts. Ich würde aus meiner Sicht sagen, sie fasst die wissenschaftliche Lage so klar zusammen wie kaum jemand sonst.

Ihr persönliches Fazit: Die Menschen wissen noch so gut wie nichts über die Zusammenhänge des Weltklimas und über den Einfluss, den die globalen Veränderungen auch auf ihre Leben haben werden.

Link zum Podcast [engl.]

Startschuss für mein Nachhaltigkeits-Projekt

Es geht los! „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – dieses Projekt trage ich schon lange mit mir herum und trotzdem freue ich mich sehr, endlich ins „Tun“ zu kommen. Das gehört nämlich grundsätzlich zu meiner Philosophie. Mit dieser Webseite möchte ich euch allen Nachhaltigkeit näher bringen, da dies seit vielen Jahren mein Hauptthema ist. Ob als Aktiver oder Initiator in verschiendenen lokalen Gruppen, als Wissenschaftler oder als Berater – Nachhaltigkeit fasziniert mich und lässt mich nicht los. Und ich glaube es fehlt an gut verständlichen Ressourcen und Erklärungen rund um dieses Thema. Mit dieser Webseite möchte ich das ändern! Schön, dass du da bist und viel Spaß beim Lesen.