Von Elektroautos und unternehmerischen Entscheidungen

Dieser Artikel ist ein ziemlicher Rundumschlag geworden:

  • Der CO2-Ausstoß von Elektroautos und warum die meisten Diskussionen hierzu zum Scheitern verurteilt sind.
  • Was haben die Entscheidungen für Kernenergie mit der Entscheidung für oder gegen Elektroautos zu tun?
  • Wie können wir im Wischi-Waschi der Nachhaltigkeit gute Entscheidungen treffen?

Die Tagesschau hat über eine Studie zum CO2-Ausstoß von Elektroautos berichtet. Fazit des Artikels: Bisherige Studien zum Thema haben veraltete Modelle verwendet, unsauber gearbeitet und/oder haben versucht Politik zu betreiben. Ich will diesen Artikel zum Anlass nehmen, um etwas über drei Prinzipien der Nachhaltigkeit zu schreiben:

  1. Vergleiche nie Äpfel mit Birnen.
  2. Auch die erweiterten Konsequenzen spielen eine Rolle.
  3. Versuch‘ keine perfekten Entscheidungen zu treffen – aber schaffe dir eine anständige Entscheidungsgrundlage

Apfel vs. Birne – was ist besser?

Was oft gemacht wird in der Diskussion rund um Elektroautos, ist folgendes:

Person A sagt, dass Elektroautos den CO2-Ausstoß unserer Mobilität verringern werden. Person B führt als Gegenargument direkt die umweltschädliche Herstellung von Lithium-Akkus an. Damit ist die Diskussion meistens dem Untergang geweiht. Warum das?

Was schauen wir uns denn eigentlich an? Umweltschäden insgesamt oder nur CO2-Emissionen? Schauen wir uns nur die Herstellung der Autos an oder betrachten wir die Nutzungsphase? Gehen wir sogar noch weiter und betrachten auch das Lebensende eines Autos – also das Recycling bzw. die Verschrottung? Hier werden in vielen Diskussionen Äpfel mit Birnen – meist sogar eher Pommes mit Erdbeeren – verglichen. Ein Elektroauto wird durch die Akku-Herstellung einen deutlich höheren CO2-Ausstoß in der Produktion haben als ein vergleichbarer Verbrenner. Und dabei ist wieder das Wort „vergleichbar“ wichtig. Denn nur wenn wir innerhalb der Auto-Klasse vergleichen, werden wir belastbare Aussagen treffen können. Und natürlich spielt die Akku-Kapazität eine große Rolle – da Verbrenner überhaupt keinen Akku haben, können wir hier auch nur bedingt Vergleiche anstellen.

Es ist also immer wichtig den Umfang der Betrachtung vorher festzulegen – den sogenannten Scope. So sollten wir auch in unserem Unternehmen vorgehen: Betrachten wir also z.B. nur unsere direkt selbst erzeugten CO2-Emissionen in unserem Bürogebäude durch die Gas-Heizung oder schauen wir uns auch die Fahrtwege und Fortbewegungsmittel unserer Mitarbeiter/-innen an? Hierüber kann man stundenlange Diskussionen führen. Wichtig ist mir an dieser Stelle nur, dass die Festlegung des Scope ein entscheidender Punkt vor dem Vergleich sein muss.

Einen einmal eingeschlagenen Weg…

Über eine Sache wird im Zusammenhang mit Elektroautos selten gesprochen: Die Pfadabhängigkeit, die wir uns einhandeln, wenn wir weiterhin auf motorisierten Individualverkehr setzen. Was heißt jetzt Pfadabhängigkeit? Ich versuche mal ein Beispiel: In den 50er und 60er Jahren wurde entschieden, dass Deutschland sich der Kernenergie verschreibt. Hierfür wurden umfangreiche Garantien und Verträge geschlossen, Leitungen gebaut, Gesetze verfasst usw. usf. Da man Geld nur einmal ausgeben kann, sind viele andere Technologien nicht in diesem Maße mit Forschungsgeldern und Subventionen bedacht worden wie z.B. erneuerbare Energien. Ich stelle mir manchmal gerne vor, wie Deutschland energiepolitisch heute dastehen würde, wenn man sich damals für eine massive Förderung der Eneuerbaren entschieden hätte. Was ist also eine Pfadabhängigkeit? Damit sind solche Entscheidungen gemeint, die den Lauf der Dinge für eine lange Zeit beeinflussen – ob positiv oder negativ. Um den Pfad zu wechseln – in unserem Beispiel von Atomkraft auf Erneuerbare – braucht es je länger man sich auf einem der beiden Pfade befindet, einen immer größeren Kraftakt. Das gesamte System (in diesem Fall das Energiesystem) stellt sich nämlich auf den status quo ein. So war erst die Atomkatastrophe von Fukushima in der Lage einen Wandel zu beschleunigen (der ökonomisch und sozial dennoch sehr schmerzhaft war).

Wie sehen jetzt unsere Pfadabhängigkeiten im Bereich der Elektroautos aus? Einerseits haben wir aktuell ja schon Straßen, Parkhäuser, Werkstätten, massig Arbeitsplätze bei den Autobauern und vieles mehr. Wir müssen nur noch überall ein „E“ draufkleben. Andererseits haben wir in den Städten auch ein Flächenproblem, ein Autobahnnetz am Rande des Verfalls und eine notorisch zu spät kommende Bundesbahn. Wenn wir uns also für die Fortschreibung unserer bisherigen Mobilitätspolitik entscheiden, muss uns auch klar sein, dass diese Probleme nicht alle gleichzeitig gelöst werden können, da wir das Geld nur einmal ausgeben können. Daher fordern einige Umweltverbände auch die Abkehr vom Auto als Lieblingskind der deutschen Mobilitätspolitik. Ob das gut ist oder nicht, will ich hier nicht bewerten. Ich glaube die Wahrheit liegt immer irgendwo in der Mitte und am Ende wird das Auto sowieso nie ganz verschwinden, aber vielleicht eine andere Position im Mobilitätsmix einnehmen als bisher.

Der Wikipedia-Artikel zu Pfadabhängigkeiten ist sehr umfangreich und geht auf viele angerissene Punkte näher ein. Eine klare Empfehlung zur Vertiefung.

Schwierige Entscheidungen

An dem Beispiel der Elektroautos sieht man außerdem sehr schön, in welchem unbestimmten Fahrwasser man sich bewegt, obwohl man versucht Dinge zu quantifizieren. Bereits einige Veränderugen der Grundannahmen können zu komplett anderen Schlüssen führen. Die angesprochene Studie zu den Elektroautos habe ich mir gar nicht im Original angeschaut, da ich hier nicht diskutieren möchte, ob E-Autos jetzt CO2-ärmer als Verbrenner sind oder nicht. Die aufgeworfene Fragestellung ist aber interessant: Wem können wir glauben? Wann haben wir uns genug informiert?

Wie können wir damit im unternehmerischen Alltag umgehen? Wir werden keine perfekten Lösungen treffen können und sollten als ersten Schritt aufhören, diesem Ideal nachzueifern.

Im nächsten Schritt können wir versuchen abzuwägen und natürlich einen guten Quellen-Check sowie eine Kurz-Recherche durchführen. Ich baue z.B. nie auf eine Quelle und wenn es nur eine Quelle geben sollte, kann man davon ausgehen, dass hierzu noch nicht genügend geforscht wurde. In der Wissenschaft ist es normal, dass unterschiedliche Forschungsgruppen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Spannend sind hierbei oft die Grundannahmen. Man sollte daher nicht davor zurückschrecken auch mal eine Studie im Original aufzumachen und querzulesen. Wenn man sich in dem Wissensbereich ein bisschen auskennt, kann man oft schon die Grundannahmen hinterfragen und schauen ob hier plausibel für den eigenen Anwendungsfall gearbeitet wurde. Wurden z.B. nur SUVs betrachtet und in meinem Fall geht es aber um Kleinwagen? Das könnte schon ein Hinweis darauf sein, dass die Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen sind. Leider werden Studienergebnisse fast immer verkürzt und verfälscht wiedergegeben. Hier ist der Druck zur Kürze im Journalismus nicht förderlich, aber auch im Wissenschaftsbetrieb selbst wird viel an Ergebnissen gebogen und zurechtgerückt, das weiß ich aus der eigenen Quellenarbeit in der Nachhaltigkeitsforschung.

Jetzt haben wir also unsere Quellen geprüft, weitere Quellen gesichtet und uns ein Meinungsbild verschafft. Jetzt müssen wir aber immer noch mit unperfekten Daten eine Entscheidung treffen. Ich denke, hier sollte sich jede/r Unternehmer/in wiederfinden. Solche Entscheidungen sind normal. In anderen Bereichen sind die Daten jedoch deutlich besser. Man schaue sich nur die vielen Wirtschaftsindikatoren an. Hätten wir auch nur eine ansatzweise vergleichbare Zahl Umwelt-Indikatoren könnten wir auch schneller bessere Entscheidungen treffen. Ich will also nur sagen: Es gibt keine Abkürzung zu guten Entscheidungen, jedoch muss im Umwelt- und Sozialbereich ebenso viel Arbeit investiert werden, um eine gute Datengrundlage zu schaffen, wie wir es im wirtschaftlichen Bereich gewohnt und zu tun bereit sind.

Generell ist es vielleicht noch interessant sich das Konzept der Pfadabhängigkeiten nicht nur gesamtgesellschaftlich sondern auch unternehmerisch anzuschauen. Vielen leuchtet der Zusammenhang bestimmt ein, aber ich finde es hilfreich, sich immer wieder mal bewusst zu machen, dass eine Entscheidung für eine Sache oft andere Dinge für zumindest eine gewisse Zeit ausschließt. Mit der Zeit wird dann ein Pfadwechsel immer schwieriger, bis dann Sätze fallen wie „Das haben wir doch immer schon so gemacht!“. Der Mensch liebt den status quo, man sollte sich also gut überlegen, auf welchen Weg man sich begeben will – und das gilt besonders für das Thema Nachhaltigkeit, da es hier um den langfristigen Weg des Unternehmens geht. Einmal geformte Unternehmenswerte lassen sich nämlich später nur noch schwer verändern.

Ergänzung vom 04.09.2020:

Gerade bin ich im Newsletter des Ökoinstituts auf einen Beitrag zu E-LKWs gestoßen. Auch interessant, da hier Disel-LKW, Brennstoffzellen-LKW und Elektro-LKW miteinander verglichen werden. Diesmal aber wirtschaftlich! Ist einen Blick wert und auch sehr kurz.

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